Eine gänzlich verfehlte Spitalstrategie — Vernehmlassungsantwort der jglp St.Gallen
Eine gänzlich verfehlte Spitalstrategie — Vernehmlassungsantwort der jglp St.Gallen
I. Exzellentes Zentrumsspital statt regionale Kleinstspitäler
Die jglp St. Gallen spricht sich aus mehreren Gründen für die Strategie eines Zentrumsspitals und damit für eine konsequente Zentralisierung stationärer medizinischer Leistungsangebote aus. Dabei soll durchaus auch eine schrittweise Schliessung von kleineren, nicht mehr benötigten Spitälern diskutiert werden. Die Strategie der Regierung mit peripheren stationären Angeboten und deren angeblicher Notwendigkeit verfängt nicht, im Gegenteil: Man wiegt sich in falscher Sicherheit, da beispielsweise die Notfallversorgung wie erwähnt in kleineren, regionalen Spitälern, wenn überhaupt, aufgrund der oftmals fehlenden Ausrüstung nicht gewährleistet werden kann. Schon heute müssen viele Notfälle ins Kantonsspital St. Gallen verlegt werden. Eine “Leerfahrt” in ein Spital, welches einen gar nicht behandeln kann, kann lebensgefährlich sein, da wertvolle Zeit verloren geht. Gerade in solchen Fällen ist es sinnvoller, wenn der Transportweg etwas länger ist, dafür ans richtige Ziel führt. Die längere Strecke zum Spital kann zudem dank der fortschreitenden Digitalisierung immer besser kompensiert werden, indem wichtige Behandlungsschritte bereits in den Krankentransportwagen vorgenommen werden können. In Dänemark hat das medizinische Notfallpersonal beispielsweise Zugriff auf elektronische Patientendossiers. In vielen Fällen kann so schneller und spezifischer reagiert und damit wichtige Vorarbeit für die Spitäler geleistet werden. Mittels Videoübertragung können Ärzte zudem schon aus der Ferne erste Diagnosen stellen. In einem Zentrumsspital kann das hochqualifizierte und ‑spezialisierte medizinische Personal dann schnell übernehmen.
Ein Zentrumsspital ist nicht nur hinsichtlich der Behandlung komplexer Notfälle sinnvoll. Wie gesagt führen bei vielen medizinischen Eingriffen die niedrigen Fallzahlen und die damit einhergehende fehlende Routine in kleineren, regionalen Spitälern zu einer Abnahme der Behandlungsqualität. Ein Zentrumsspital bietet ein höheres Spezialisierungspotenzial und somit auch eine höhere Qualität der medizinischen Behandlungen. Das Zentrumsspital kann zudem nicht nur qualitativ besser, sondern auch effizienter arbeiten. So können beispielsweise Laborproben dank technischer Innovationen immer schneller durchgeführt werden. Mit einer Behandlung kann damit viel früher angefangen werden, wodurch es möglich ist, mehr Patientinnen und Patienten zu behandeln. Aufgrund der gesteigerten Effizienz kann eine Entlassung früher erfolgen. Nachbehandlungen können direkt vom Eingriffsspital vorgenommen werden, was zur Kosteneindämmung beitragen kann. Nicht zuletzt kann das Personal in einem Zentrumsspital viel flexibler eingesetzt werden, was auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken kann, da ein hochmodernes Stadt-Spital für Fachkräfte attraktiver ist. Auch hinsichtlich der Ausbildung von medizinischem Fachpersonal hat sich der Kanton St. Gallen mit der Strategie des “Medizinstandorts St. Gallen” ab 2020 viel vorgenommen[1]. Damit die medizinische Ausbildung in St. Gallen attraktiv ist, müssen jedoch entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden, was nach Ansicht der jglp St. Gallen nur mit einem modernen Zentrumsspital mit einem entsprechend breiten und hochspezialisierten medizinischen Angebot gewährleistet werden kann. Damit wird aufgrund der Konzentration von qualitativ guten und quantifizierten Gesundheitsdaten auch die Forschung begünstigt. Eine umfassendere Zusammenarbeit mit anderen öffentlichen und privaten Forschungsanstalten wäre die logische Folge. Dank nationaler und internationaler Kooperationen könnte von einer schnelleren Implementation neuer Technologien und damit von einer hochmodernen Medizin profitiert werden, was insbesondere, und das sollte das Ziel einer Gesundheitsversorgungsstrategie sein, der lokalen Bevölkerung zugutekommt.
II. Qualitätssteigernde Zusammenarbeit statt teurer Alleingänge
Der Kanton St. Gallen hat mit der Optimierung der Rettungsstützpunkte bewiesen, dass eine Effizienzsteigerung mittels Vernetzung möglich ist. Eine innerkantonale Zusammenarbeit ist jedenfalls bei den Rettungsdiensten bereits Tatsache. Dies sollte auch interkantonal oder sogar international möglich sein: Die Menschen sind bereit, für qualitativ hochstehende medizinische Behandlungen, welche nicht Notfälle betreffen, gewisse Anfahrtswege auf sich zu nehmen. Weiter wächst mit zunehmender Erfahrung der Chirurgen grundsätzlich auch die Qualität der Eingriffe bzw. sinkt die Anzahl operativer Fehler. Da in einem kleinen Spital weniger Operationen eines bestimmten Typs durchgeführt werden, kann aufgrund der fehlenden Routine kaum die gleiche Behandlungsqualität geboten werden wie in einem grösseren Spitalkomplex. Im Lichte dieser Erkenntnisse ergeben kantonale oder sogar regionale Alleingänge insbesondere im stationären Bereich keinen Sinn. Die steigenden Gesundheitskosten und immer anspruchsvolleren medizinischen Eingriffe bedingen, dass Synergien genutzt werden, wenn sie sich anbieten.
Für die jglp St. Gallen steht eine Spitalplanung im Vordergrund, welche regional, interkantonal und auch international abgestimmt ist. Es kann nicht sein, dass es im Kanton St. Gallen und in den Nachbarkantonen offensichtliche Überkapazitäten aufgrund kantonaler Partikularinteressen gibt. In Appenzell wird für einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag ein neues Spital gebaut, obwohl das St. Galler Kantonsspital eine kurze Autofahrt entfernt liegt. Die Regierung des Kantons argumentiert dabei mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen und Gewährleistung der Souveränität betreffend Gesundheitsversorgung, wobei beide Argumente bei genauerer Betrachtung nur bedingt überzeugen.
In einer globalisierten Welt, in der Menschen ganz selbstverständlich über die Grenze nach Liechtenstein, Österreich und Deutschland gehen, um zu arbeiten oder Essen zu gehen, muss es möglich sein, qualitativ hochstehende medizinische Behandlungen auch grenzüberschreitend in Anspruch nehmen zu können. Das spart nicht nur Geld: Viel wichtiger und in der gesamten Debatte immer wieder zu betonen ist, dass die Behandlungen aufgrund der höheren Fallzahlen ebenfalls besser werden. Der Kanton St. Gallen fokussiert sich bei der gesamten Spitalstrategie zu sehr auf die betriebswirtschaftlichen Interessen der Spitäler. Ausser Acht gelassen wird, womit der Bevölkerung besser gedient wäre: Mit hoher Qualität der medizinischen Behandlungen aufgrund hoher Fallzahlen.
Viel weniger Spitäler und dennoch eine hohe Qualität der medizinischen Versorgung: Dänemark macht es vor. Das Land ist flächenmässig mit der Schweiz vergleichbar und verfügt trotzdem über nur fünf Gesundheitsregionen. In diesen erbringen 61 Spitäler das medizinische Leistungsangebot für die gesamte Bevölkerung. In der Schweiz bestehen aktuell 281 Spitäler, wovon 9 Spitäler im Kanton St. Gallen gelegen sind[2]. Der Vergleich zeigt: Das Schweizer Spitalnetz ist zu dicht. Dass diese Rechnung nicht aufgehen kann, ist offensichtlich. Die jglp St. Gallen plädiert deshalb dafür, dass sich der Kanton St. Gallen im Rahmen der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und –direktoren (GDK) dafür einsetzt, dass schweizweit ein System mit interkantonalen Gesundheitsregionen geschaffen wird. Diese Forderung ist nicht neu, sondern wird von anerkannten Medizinexperten, darunter die Schweizerische Akademie für Medizinische Wissenschaften (SAMW), schon seit längerem vorgebracht[3].
Weiter soll die Regierung auch mit den Nachbarländern (Liechtenstein, Deutschland, Österreich) Gespräche aufnehmen, um eine gemeinsame, grenzüberschreitende Spitalstrategie zu prüfen.
III. Gesundheitliches Gesamtversorgungskonzept statt isolierte Spitalstrategie
Der Anstieg des Durchschnittsalters der Gesellschaft führt dazu, dass Menschen häufiger an chronischen Krankheiten und Mehrfacherkrankungen leiden. In Kombination mit dem generellen Bevölkerungswachstum führt dies zu einem Versorgungsengpass im Gesundheitssystem. Um diesem wirksam zu begegnen, werden aber nicht unbedingt mehr Akutspitalbetten benötigt, sondern vor allem mehr Betreuungskapazität vor Ort. Die Statistik bestätigt dies: 90 von 100 Personen mit gesundheitlichen Problemen werden von Hausärztinnen und Hausärzten abschliessend behandelt. 9 weitere benötigen einen Spezialisten für ihre Versorgung und lediglich eine von 100 Personen muss zur Behandlung in ein Spital. Letztlich wird somit lediglich ein geringer Teil der zu versorgenden Personen im Spital behandelt, während die Hauptbetreuung von Patientinnen und Patienten bereits heute von regionalen Gesundheitsversorgern wahrgenommen wird[4].
Was die oft ins Feld geführte Notfallversorgung anbelangt, so leisten diverse regionale Gesundheitsversorger Notfalldienst und bewältigen damit auch die Erstversorgung von Patientinnen und Patienten, und zwar in Ergänzung zu den Notfallstationen in den Spitälern. Anlaufstellen sind Hausärztinnen und Hausärzte, Rettung St.Gallen sowie sogenannte First Responder. Letztere sind auf Ersthilfe ausgebildete Personen, welche oft bei der Feuerwehr angegliedert resp. durch sie organisiert sind. Durch ihre dezentrale Organisation können sie oft vor dem Rettungsdienst vor Ort sein. Dass eine „gute“ Notfallversorgung nur mittels stationärer Notfallversorgung möglich ist, stimmt nicht. Die kleineren, regionalen Spitäler sind im Gegenteil bei gravierenden Notfällen bereits heute meist nicht hinreichend ausgerüstet, um Eingriffe vor Ort in der gewünschten Qualität durchzuführen. Eine Verlegung in ein grösseres Spital ist schon jetzt die Regel, wenn es um die Versorgung ernsthafter Verletzungen geht. Stationäre Notfallstationen in den Regionalspitälern ergeben damit nicht nur aus betriebswirtschaftlicher Sicht keinen Sinn. Der Bevölkerung wird etwas versprochen, was gar nicht angeboten werden kann. Erschwerend kommt hinzu, dass niemand den Preis dieses Versprechens kennt.
Das Spitalkonzept muss nach Meinung der jglp St. Gallen deshalb zwingend in ein gesundheitliches Gesamtversorgungskonzept eingebettet werden, was bereits die Ärztegesellschaft des Kantons St. Gallen forderte[5]. Der Vorschlag der Regierung blendet solche Zusammenhänge komplett aus, es fehlt die gesamtheitliche Sicht. Die Spitalstrategie ist leider das, als was sie bezeichnet wird: Eine reine Spitalstrategie. Dies ist nach Ansicht der jglp St. Gallen zu kurz gedacht und nicht nachhaltig. Durch die Ausblendung anderer lokaler Gesundheitsversorger gehen wichtige Synergieeffekte und damit Sparpotenzial verloren. Eine isolierte Spitalstrategie zielt aber auch an der medizinischen Realität vorbei, indem Kapazitäten dort geschaffen werden, wo sie nicht benötigt werden. Dies führt schliesslich zu einer ungerechtfertigten Bedeutungsüberhöhung des Spitals.
Aus den vorgenannten Gründen schlägt die jglp St. Gallen deshalb vor, die Spitalstrategie noch einmal zu überarbeiten. Insbesondere müssen die Versorgungskapazitäten lokaler Gesundheitsversorger wie Hausärztinnen und Hausärzte im Sinne eines Gesamtversorgungskonzepts einbezogen und konkrete Möglichkeiten einer Zusammenarbeit ausgemacht werden. Gestützt auf eine Gesamtschau der aktuellen Gesundheitsversorgung im Kanton St. Gallen soll schliesslich eine ganzheitliche, faktenbasierte Gesundheitsversorgungsstrategie ausgearbeitet werden. Der Bevölkerung muss eine echte Wahl geboten werden!
IV. Fazit der jglp St. Gallen zur Spitalstrategie
Die jglp St. Gallen erachtet die von der Regierung vorgelegte Spitalstrategie als gänzlich verfehlt, unvollständig und einseitig. Sie wird dem Informationsanspruch der Bevölkerung in keiner Weise gerecht und lässt nach Gesagtem sowohl die medizinische Realität als auch eine optimale Gesundheitsversorgung der Bevölkerung komplett ausser Acht. Wirtschaftlich argumentiert wird lediglich auf Basis von Partikularinteressen einzelner politischer Akteure, insbesondere des Kantons als Betreiber der Spitäler. Eine eindimensionale Spitalstrategie verdient diesen Namen nicht und ist zu überarbeiten, um im Sinne eines Gesundheitsversorgungskonzepts alle Aspekte ausreichend zu würdigen und der Bevölkerung eine echte Wahl zu ermöglichen.
Ein besonders drastisches Beispiel der Argumentation mit Partikularinteressen bieten die geplanten Spitalstandorte mit Notfallversorgung und Bettenangebot. Als Grund für das geplante Bettenangebot werden nicht etwa medizinische Gründe vorgebracht: Der Kanton sieht die Betten einzig deshalb vor, damit diese faktischen Notfallzentren juristisch weiterhin als Spital klassifiziert werden können. Nur durch diesen juristischen Trick fallen sie weiterhin in den Aufgabenbereich des Kantons. Daten zur medizinischen Notwendigkeit und der effektiven Kosten der Spitalstandorte mit Notfallversorgung generell und insbesondere des Bettenangebots fehlen. Es ist davon auszugehen, dass Patientinnen und Patienten im Notfall jedoch nicht auf diesen wohl ungenügend ausgerüsteten Bettenstationen liegen, sondern sowieso ins Zentrumsspital transferiert werden.
Ob und in welchem Umfang es in einem System mit Zentrumsspital, wie es die jglp St. Gallen vorliegend skizziert, die kleineren regionalen Spitäler noch zwingend benötigt, ist aufgrund der medizinischen und gesamtwirtschaftlichen Fakten zu entscheiden. Sollte sich zeigen, dass aufgrund eines Ausbaus des Zentrumsspitals sowie interkantonaler und –nationaler Kooperation auf gewisse Spitalstandorte verzichtet werden kann, sollte die schrittweise Schliessung dieser Standorte angepeilt werden.